Pilze
Knollenblätterpilz – gefährliches Gift mit gutem Geschmack

- Knollenblätterpilz
(eigenes Archiv)
Knollenblätterpilze sind dicke, fleischige weiße beziehungsweise grüne Pilze, die sehr leicht mit Champignons verwechselt werden können. Auch ihr guter Geschmack lässt nicht vermuten, dass sie Amatoxin enthalten – eines der gefährlichsten in der Natur vorkommenden Gifte. Amatoxin kann weder durch Kochen, Trocknung oder Einfrieren zerstört werden. Bereits 1 bis 3 Knollenblätterpilze enthalten eine tödliche Giftmenge (0,1–0,3 mg/kg). Das Gift dieses Pilzes ist deshalb so gefährlich, da es direkt im Zellkern wirkt und dort die Eiweißsynthese hemmt, was schließlich zu einem Leberversagen führt. Pro Jahr erkranken in Europa einige hundert Personen an einer Vergiftung mit Knollenblätterpilzen.
Die Phasen der Vergiftung
- Symptomlose Latenzphase: Dauer 6–24 Stunden nach der Pilzmahlzeit.
- Gastrointestinale Phase: Dauer 5–9 Stunden. Das Gift wirkt auf die Darmschleimhaut und die Patienten leiden an heftigem Erbrechen und anhaltendem wässrigen Durchfall.
- Symptomarmes Intervall: Dauer circa 12 bis 24 Stunden.
- Hepatorenale Phase: Diese Phase, in der das Gift massiv Leber und Niere schädigt, beginnt am 2. bis 3. Tag. Unter anderem steigen die Leberwerte, es kommt zu einer Leberschwellung, Gelbsucht (Ikterus) und Blutungen.
Diagnose
Diagnostiziert wird die Vergiftung über den Amatoxinnachweis in Speiseresten, Mageninhalt und Urin. Die Blutspiegel des Giftes stimmen allerdings nicht mit dem Verlauf der Erkrankung überein. 12-60 Stunden nach der Giftaufnahme kann Amatoxin in der Regel zuverlässig nachgewiesen werden.
Behandlung – Lebensretter aus der Natur
Bei Patienten mit Verdacht auf Knollenblätterpilzvergiftung sollte sofort mit der Behandlung begonnen werden, da das Gift relativ schnell wirkt. Neben einer Gabe von Elektrolyten und Aktivkohle erfolgt die eigentliche Therapie durch das Gegengift (Antidot) Silibinin oder eine so genannte Kombinationstherapie aus Silibinin und Penicillin. Penicillin und Silibinin verfügen über einen ähnlichen Wirkmechanismus, jedoch ist die Einzeltherapie (Monotherapie) mit Silibinin besser verträglich. Auch wurde bei Patienten, die ausschließlich Silibinin erhielten, im Vergleich zu Patienten, die mit der Kombinationstherapie behandelt wurden, eine geringere Anzahl an Todesfällen und Leber-Transplantationen beobachtet. In den 70er Jahren – als Silibinin noch kaum angewendet wurde, hatte eine Knollenblätterpilzvergiftung oft einen dramatischen Verlauf – fast jeder vierte Patient starb an den Folgen der Vergiftung. Heutzutage liegt die Sterblichkeitsrate bei weniger als einem Prozent, was auch auf die Silibinintherapie zurückgeführt wird. Verabreicht wird das Gegengift in einer Dosis von 20 mg/kg/ pro Tag über eine Dauer von 6 Tagen. Seine zuverlässige Wirkung ist vor allem auf zwei Ansatzpunkte in der Zelle zurückzuführen: Silibinin verhindert einmal das Eindringen des Giftes in die Leberzelle und regt gleichzeitig die Bildung von neuen Leberzellen in der bereits geschädigten Leber an. Zusätzlich wird der Leber-Darm-Kreislauf (enteropathischer Kreislauf) unterbrochen.
Diese effektiven Wirkungen zeigen sich in einer schnellen Normalisierung der Leberwerte im Blutserum. Eine Penicillinmonotherapie wird bei der Therapie einer Knollenblätterintoxikation inzwischen meist nicht mehr eingesetzt.
Ist der Leberausfall bereits weit fortgeschritten, werden die Patienten mit so genannten (Blut-)Gerinnungsfaktoren behandelt: Denn bei fortgeschrittenem Leberversagen ist die Gefahr einer Magen-Darm-Blutung sehr groß. Eventuell ist in dieser Situation auch eine Leber-Transplantation in Betracht zu ziehen.
Literatur:
M. Ganzert, N. Felgenhauer, T. Schuster, F. Eyer, C. Gourdin, T. Zilker (2008): Knollenblätterpilzvergiftung, Silibinin und Kombination von Silibinin und Penicillin im Vergleich, Deutsche Medizinische Wochenschrift, 133: 2261-2267.
Knollenblätterpilzvergiftung: http://pharm1.pharmazie.uni-greifswald.de/systematik/ergaenz/amanit1.htm
Hildebert Wagner, und Markus Wiesenauer (2003): Phytotherapie, Stuttgart.
Fallbeispiele
Fall 1: Eine 6-köpfige Familie (Alter: 17–83 Jahre) aus Aptos (Californien/USA) aß ein Pilzgericht, das einen Knollenblätterpilz enthielt. Am nächsten Tag kamen die Familienmitglieder mit Übelkeit, Erbrechen und Durchfall ins Krankenhaus und wurden u. a. behandelt mit Penicillin und Silibinin (Legalon® SIL). Fünf Personen der 6-köpfigen Familie konnten mit normalem Gesundheitszustand entlassen werden. Lediglich die 83- jährige Großmutter erlag den Folgen von Nierenversagen.
Quelle: Jondi Gumz: A life-or-death situation: Family poisoned by mushrooms; Santa Cruz Sentinel (santacruzsentinel.com)
Fall 2: Eine Frau in der 28. Schwangerschaftswoche aß am Abend ein Pilzgericht, das einen Knollenblätterpilz enthielt. Am nächsten Tag kam sie mit Übelkeit, Erbrechen und Durchfall ins Krankenhaus und wurde umgehend behandelt mit Penicillin und Silibinin (Legalon® SIL). Nach 5 Tagen Intensivstation konnten die Mutter und ihr ungeborenes Baby mit normalem Gesundheitszustand entlassen werden.
Quelle: P. Schleufe, C. Seidel (2003): Amanita poisoning during pregnancy; Anasthesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther. Nov; 38(11):716-8
Fall 3: Kurz nach Weihnachten 2008 wurde eine 72-jährige Großmutter mit ihren 11-jährigen Zwillingsenkeln in ein Krankenhaus in San Francisco eingewiesen, welches über eine Kinderleber-Transplantationsstation verfügt. Der Grund: Alle drei hatten sich mit selbst gesammelten Knollenblätterpilzen vergiftet, und das Gift griff bereits die Leber an. Obwohl die Zeit drängte, konnte mit der Standard-Therapie mit Silibinin (Legalon® SIL) nicht sofort begonnen werden. Denn in den werden keine Vorräte des Antidots gelagert, da dort normalerweise weniger Fälle als in Europa auftreten. Doch kam es schließlich zu einem guten Ende. Per Flugzeug wurde das lebensrettende Gegengift noch rechtzeitig aus dem Hause Madaus geliefert und alle Patienten überlebten die Vergiftung.
Quelle: http://www.santacruzsentinel.com/ci_11432584?source=most_viewed









